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Fickt euch!

Posted in Aufklärung

Last updated on Februar 9, 2020

Über Sex und Penisse und warum wir mit unseren Kindern sprechen sollten

Dieser Blogpost erschien ursprünglich am 18.05.2017 auf nooborn.wordpress.com.
Da ich den alten Blog stillgelegt habe, findet sich der Text nun hier.


Inhaltshinweis: im nachfolgenden Beitrag geht es zum Teil sehr detailliert um Genitalien und Sex.


Mir wurde ein Artikel in die Filterblase gespült über Mädchen und deren Einstellung zum Sex. Darüber, dass viele schon zufrieden sind, wenn’s nicht weh tut. Und wenn ich sowas lese (bzw. höre, der Artikel bezieht sich auf einen Ted Talk), dann finde ich das gelinde gesagt zum Kotzen.

Dieser Artikel hat mich auf jeden Fall daran erinnert, dass ich schon ewig über etwas schreiben wollte, was mich unglaublich nervt:

Penisse.

Penisse gibt es in allen Formen, Farben und Größen, und sie haben alle eines gemeinsam: sie gehen mir auf den Wecker.

Genau genommen stören mich nicht die Penisse an sich, sondern die Darstellung von Penissen als Zentrum von Sex.

Denn wenn von Sex erzählt wird, wenn über Sexualität geredet wird, wenn Aufklärungsunterricht stattfindet, dann steht vor allem eins im Mittelpunkt: ein Penis (Muhahaha „steht im Mittelpunkt“. Okay. Lasst uns so tun als wären wir erwachsen).

Schon das berühmte „Peter, Ida, Minimum“ Aufklärungsbuch bringt Kindern bei, dass der Penis in “die Frau” gesteckt wird und dann kommen aus der “Frau” Kinder raus (über Fortpflanzung ohne Hilfsmittel zwischen Cis-Heten klärt das Buch aber gut auf).

Aber Sex geht über Penisse hinaus. Und über Fortpflanzung.

Es fängt ja schon damit an, dass Kinder, denen auf Grund ihrer genitalen Ausstattung per Geburt (oder vorab per Ultraschall) Weiblichkeit zugeschrieben wird, meist gar nicht so genau wissen was „das da“ zwischen ihren Beinen ist.

Da wird von Muschi, Döschen, Scheide, Mumu, oder gar dem Pfuipfui (ja, so gehört) gesprochen. Oft wird das Ganze auf die Vagina/Scheide reduziert. Kinder, die männlich definiert wurden kriegen zwar auch Kosenamen, aber immerhin meist für die Gesamtheit ihres externen Genitalbereiches. Penis & Hoden: Puller, Struller, Eier, Nüsse, Schniepel, Sack,…

Übrigens auch ein Phänomen das sich in „erotischer Literatur“ finden lässt, aber ich schreibe hier jetzt nicht auch noch über Lustgrotten und Fleischpeitschen, das ginge zu weit.

Ich kenne Dya-Cis-Frauen die keine Ahnung haben wo ihre Klitoris liegt. Die sich noch nie ihre Vulvina angesehen haben (falls ihr dazu gehört schnappt euch mal einen Spiegel). Wenn eins dann mal ein verschämtes Gespräch über „das da“ zustande bringt, kommt meist dabei heraus, dass diese Frauen ihre Vulvina als häßlich, unschön oder „unnormal“ einstufen.

Denn auch die gibt es in allen Formen, Farben und Größen! Es gibt welche da sind die inneren Schamlippen größer als die äußeren, welche die kaum innere Schamlippen haben, welche die kaum äußere Schamlippen haben, es gibt Klitorides die auf Tischtennisballgröße anschwellen können, wenn di*er Besitzer*in erregt ist. Dass auch Klitorides eine Vorhaut haben, welche sich oft auch bewegen lässt was wiederum viele Menschen mit Klitoris als eine angenehme Form der Stimulation empfinden, ist ein erschreckend wenig weit verbreitetes Wissen. Es gibt Vulvinas die werden triefend nass und welche die fast immer trocken bleiben. Einige riechen nach nix, andere verströmen intensive Düfte. Es gibt welche die kommen spritzend zum Orgasmus und welche die noch nie einen hatten. Es gibt sie mit vielen Haaren, mit wenig Haaren, kahlrasiert,…

Und sie sind alle wunderschön.

Redet mit euren Kindern darüber was „das da“ zwischen ihren Beinen ist. Und gebt allen Teilen Namen, nicht nur denen in die ein Penis gesteckt werden kann. Und zwar bitte mit Kindern aller Geschlechter. Solange Penis-Besitzer:innen nämlich lernen, dass Penisse dazu da sind in irgendetwas oder irgendwen hineingesteckt zu werden, so lange wird sich wenig ändern.

Next up: Was ist eigentlich Sex?

Das Märchen vom Sex wird dann so weiter erzählt, dass eine Sexnorm erdacht wird in der es eine Vagina (sic) gibt, die einer Frau gehört und dann kommt ein Penis, der einem Mann gehört, wird da reingesteckt (in Missionarstellung) und der Spaß ist vorbei wenn der Penis des Mannes ejakuliert. Es sind auch immer nur zwei Menschen daran beteiligt. Es sei denn es geht darum, dass ein (Männer-)Penis zwei (Frauen-)Vaginen mit seiner Anwesenheit begeistern kann.

Joar. Ich kenne zahlreiche Cis-Männer die z.B. Oralverkehr (empfangenden) nicht als Sex werten (gebenden sowieso nicht. Das ist bestenfalls Vorspiel). Und dass (nicht nur) amerikanische Teens die „rein“ bleiben wollen, Analverkehr für eine völlig legitime Art und Weise keinen Sex zu haben, halten spricht auch Bände. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass Sex und Fortpflanzung gern vermengt wird. Für viele ist zumindest der „Orgasmus“ (also, der des Penisses) das Kriterium schlechthin für Sex.

Viele Cis-Männer glauben gar sie hätten eine Art „Recht auf Orgasmus“, weil es ja so leicht ist einen Cis-Mann zum Orgasmus zu bringen, aber sooo schwer eine Cis-Frau zum Orgasmus zu bringen. „Er steht, also mach gefälligst was damit er auf seine Kosten kommt“ ist eine erschreckend weit verbreitete Ansicht. Und dass Cis-Männer über ihren Penis als eigenständiges Wesen reden auch.

Ich bin in der glücklichen Position mit zahlreichen Menschen diverser Geschlechter Sex gehabt zu haben. Unter anderem mit mehreren Cis-Frauen. Und wirklich wahr! Die können auch „kommen“. Für viele ist aber vaginale Penetration mit Penis oder Penisersatz nicht das, was die höchsten Lusttöne auslöst. Joar. Und da fängt das Problem dann an.

Generell ist mein persönlicher Eindruck (für den ich gerade keine empirischen Belege zur Hand habe), dass queere Menschen viel häufiger vaginalpenetrationsfrei zum Orgasmus finden. Fragt doch mal im queeren Teil eures Freund:innenkreises rum (sofern vorhanden).

Nun muss aber der Orgasmus beim Sex gar nicht zum Orgasmuss verkommen. Sex kann tatsächlich auch ohne Orgasmus schön sein! Es gibt ja diese willkürlichen Grenzen die gezogen werden und ich erinnere mich durchaus wie ich früher lernte zwischen „Petting“ und „Sex“ zu unterscheiden. Und das ist einfach nur Müll. Fummeln ist schön, Fummeln kann Sex sein, Fummeln ist eine sexuelle Handlung.

Und wenn wir mit Kindern über Sex reden, dann sollten wir eben nicht ausschließlich von Penetration durch Penis in Vagina reden bei der am Ende der Samenerguss steht. Das ist ganz praktisch zum Kinder kriegen, das kann sehr schön sein, aber es ist nur eine von vielen Arten Sex zu haben.

Falls ihr das noch nie probiert habt: lasst doch mal den Penis in penetrierender Form beim Sex weg. Vor allem wenn ihr Cis-Männer seid. Auch Körper mit Penis verfügen über mehr als eine erogene Zone. Und auch ein Penis ist auf mehr als eine Art stimulierbar.

Habt Sex alleine, zu zweit, zu dritt, zu viert,… findet heraus was euch anmacht und REDET darüber. Mit euren Partner:innen. Meinetwegen in den Kommentaren. Und mit euren Kindern. Macht Sex zu einem ganz normalen Thema. Dass barbusige immergleiche Frauenabbilder uns von Fernsehzeitungen entgegen lächeln wird als normal wahrgenommen.  Über Sex zu reden nicht.

Mit Kindern über Sex reden beinhaltet auch über Heteronormativität zu reden. Über (Cis-)Sexismus. Über Machtstrukturen und darüber was Sex und Sexualität mit Macht zu haben. Es beinhaltet ebenfalls darüber zu reden, dass es auch völlig normal ist gar kein sexuelles Verlangen zu verspüren oder nur sehr eingeschränkt.

Hört auf Sex zu einem Tabu zu machen. Erklärt euren Kindern, gleich welchen Geschlechts oder mit welcher Genitalausstattung:

  • Dass Einverständnis immer das A und O ist
  • Dass ihre Körper ihnen gehören (dazu gehört auch, Kinder über ihren Körper selbst bestimmen zu lassen)
  • Dass sie sich aus Situationen in denen sie sich nicht wohlfühlen entfernen können und dürfen
  • Dass Schmerzen nicht irgendwem zuliebe ertragen werden müssen
  • Dass Liebe und Lust nicht (immer) das Gleiche ist
  • Dass es okay ist solange zu warten wie sie wollen
  • Dass das was auf youporn und Co zu finden ist, keine Repräsentation von Sex ist, sondern Pornographie und Sex ähnlich sein kann aber nicht muss (und verschafft euren Teenies Zugang zu vernünftigem Porn, von bezahlten Sex-Worker:innen)
  • Dass es okay ist nicht hetero zu sein und nicht cis

In diesem Sinne: Fickt euch!

Unaufgefordert zugesandte Penisbilder werden veröffentlicht und mit Rezensionen versehen.

Übrigens:

Die zauberhafte Julie Taube schrieb übrigens auch schon über #Elternsex und dass wir darüber reden sollten

Und die wundervolle Nina testet auch mal das Spielzeug, das nicht geschlechtsneutral ist für euch.

Und wenn ihr selbst schon mal zum Thema Sex gebloggt habt, oder das jetzt macht, lasst mir einen Kommentar da, ich verlinke euch gern.

Links aus den Kommentaren (hier, Twitter, FB):

Lassen Sie uns über Sex reden, aber anders

Sie will jetzt Schokolade und was will er? Sex in der Schwangerschaft

Anmerkung: Dieser Text wurde am 19.05.2017 um 10.30 Uhr auf Grund des Kommentars von Maya an einigen Stellen nachgebessert. Vielen Dank, Maya!

2 Comments

  1. Julika
    Julika

    Toller Beitrag, vielen Dank! Die Frage nach “wo fängt Sex an” beschäftigt mich auch schon lange, weil die Gesellschaft damit doch meistens Geschlechtsverkehr (und da meist Penis in Vagina) meint und ich das weiter fasse. Mir fehlen übrigens passende und schöne Worte für die weiblichen Genitalien. Und gute Pornoseiten. Hat da jemand Empfehlungen?

    Mai 15, 2020
    |Reply
    • Wir reden meist von Vulva/Vulvina/Vagina, ich mag “Vulvina” als Bezeichnung für die Gesamtheit aus Vulva und Vagina. Ich habe aber auch Freund:innen welche zB die Begriffe Pussy, Möse oder Fotze für sich reclaimen.

      Mai 16, 2020
      |Reply

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