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Sexpositive Umgebung für Kinder

Posted in Aufklärung, and Geschlechtsoffene Erziehung

Last updated on Mai 24, 2020

Inhaltshinweis: Es wird über Sex, Masturbation, Aufklärung, sexuell übertragbare Krankheiten und Verhütung gesprochen. Themen wie sexueller Missbrauch und Vergewaltigung werden angeschnitten. Große Themenabschnitte haben eine Überschrift, so dass sie übersprungen werden können.

“sexpositiv” ist ein Wort, dem ich in meinem Umfeld oft begegne. In den letzten Jahren sind alle und alles um mich herum sexpositiv geworden. Der Begriff wurde Ende der 1970er Jahre geprägt. Es geht wie der Name vermuten lässt um eine positive Einstellung zu Sex, bei der grundsätzlich alles okay ist was einvernehmlich zwischen konsensfähigen Personen passiert, egal ob vanilla, BDSM, Sexarbeit oder Pornographie, es ist ein achtsamer Umgang mit jeder Art von Lust und jeder Art von Körper und Körperlichkeit. Etwas ausführlicher und mit Begriffshistorie könnt ihr das im Missy Magazin nachlesen.

Es geht nicht um Sex mit Kindern. Es gibt keinen Sex mit Kindern. Es gibt nur sexualisierte Gewalt an Kindern. Kinder sind nicht in der Lage frei, umkehrbar, informiert, explizit und spezifisch Konsens zu sexuellen Handlungen mit Erwachsenen zu geben.

Das Akronym FRIES steht im Kontext von Consent für freely given, reversable, informed, enthusiastic/explicit und specific.
Mehr dazu findet ihr auf der (englischsprachigen) Seite von planned parenthood.

Vielmehr geht es darum, Kindern eine Umgebung zu bieten in der Sexualität kein Tabu ist, in der offen über schöne und schlimme Gefühle gesprochen werden kann. Eine Umgebung, die Kinder von der Scham befreit, die Sexuellem oft anhaftet, damit Kinder sprechen können über Dinge, die passieren – und Dinge die ihnen möglicherweise angetan werden.

Aber wie sieht eine sexpositive Umgebung für Kinder aus?

Ein Kind, das weiß, dass Interaktionen zwischen Menschen die Berührungen (nicht nur von Genitalien) beinhalten, Konsens erfordern und sich grundsätzlich schön und gut anfühlen sollten und dass diese Dinge kein Geheimnis sein brauchen, das kann auch leichter darüber sprechen wenn es Verstöße dagegen gibt. Es kann auch leichter Handlungen als falsch einordnen.

Es geht darum, Kindern die Möglichkeit zu geben eines Tages frei, umkehrbar, informiert, explizit und spezifisch Konsens zu sexuellen Handlungen (nicht) zu geben. Das älteste Kind aus unserem familiären Umfeld ist sieben – meine Erfahrungswerte beschränken sich also auf Kinder bis zu diesem Alter, aber ich fühle mich durch Gespräche mit Freund:innen durchaus auch für größere Kinder schon ganz gut vorbereitet.

Kindliche Sexualität

Wer kleine Kinder hat, weiß vermutlich, dass kleine Kinder sich häufig an den Genitalien berühren. Sie spielen, zupfen, reiben, drücken,… weil es ihnen Spaß macht. Und wir Erwachsenen müssen damit einen Umgang finden. Häufig wird darüber nicht gesprochen. Frühkindliche Masturbation ist ein “uff-Thema” für viele. Großes Uff. Aber Kinder berühren sich, weil sich diese Berührungen schön anfühlen. Und das ist nicht falsch, nicht schlimm, nicht verkehrt.

Kindliche Sexualität konzentriert sich nicht auf die Geschlechtsteile, bezieht sie aber mit ein. Schon Neugeborene berühren ihre Genitalien und erleben dabei angenehme Gefühle. Vom Ende des zweiten Lebensjahres an berühren sich Mädchen und Jungen auch gezielt zur Erregung an ihren Geschlechtsteilen. Selbsterkundungen des Körpers und Masturbation finden in der gesamten Kindheit statt und dienen dem Ausprobieren und Kennenlernen des eigenen Körpers. Sexuelle Aktivitäten mit anderen Kindern, sog. Doktorspiele, interessieren Kinder etwa ab drei Jahren.

[…]

Kinder haben keine festen „Sexualpartner“, sondern richten ihr Interesse auf die Menschen, die mit ihnen leben und die ihnen nahe sind. Das können andere Kinder sein, aber auch Erwachsene, die mit ihnen kuscheln und schmusen.

[…]

Wo nicht das Wohl des Kindes, sondern die sexuellen Bedürfnisse des Erwachse-nen im Mittelpunkt stehen, ist die Grenze zu sexuellem Missbrauch überschritten. Sexueller Missbrauch beginnt, wo körperlicher Kontakt zu einem Kind gesucht oder fortgesetzt wird, weil oder obwohl der Erwachsene dadurch sexuell erregt wird.

Ulli Freund, Dagmar Riedel-Breidenstein / Strohalm e.V. & Landesjugendamt Brandenburg: Kindliche Sexualität zwischen altersangemessenem Verhalten und sexuellen Übergriffen, Seite 9-10, 2006

Deshalb sollten wir Erwachsenen darauf achten, wie wir damit umgehen, wenn wir bemerken, dass unsere Kinder sich berühren. Ich sage häufig: “Bitte geh irgendwohin, wo du allein bist, wenn du dich berühren möchtest. Ich weiß, dass sich das schön anfühlt, aber das ist etwas, was nur für dich ist.”

Warum ich das tue? Kinder haben auch ein Recht darauf, dass Handlungen, die von Erwachsenen sexualisiert werden, nicht beobachtet werden. Denn dazu haben sie keine informierte Zustimmung gegeben. Sie spielen an sich herum, weil sich das gut anfühlt. Sie wissen nicht, dass es Erwachsene gibt, die das sexualisieren. Sie wissen noch gar nichts von dem ganzen Aufriss, der gesellschaftlich rund um das Thema Sex gemacht wird. Darum bringe ich ihnen bei, dass dies etwas Privates ist.

Hinzu kommt, dass auch das Beobachten von sexualisiertem Verhalten der Zustimmung bedarf und ich finde es wichtig, das Kindern früh zu vermitteln, damit sie, zum Beispiel, auch nicht vor anderen Kindern masturbieren, denen das eventuell unangenehm ist. Ich erkläre auch, dass ich meine Zustimmung dazu nicht gebe, weil ich persönlich es falsch finde, wenn Erwachsene Kinder bewusst bei solchem Verhalten beobachten – und Konsens geben bedeutet, dass ich mir dessen bewusst bin. “Wenn du so etwas vor anderen machst, dann sollten sie zugestimmt haben – und ungefähr dein Alter haben”, ist da unsere Richtlinie.

Aufklärungsgespräche

Die meisten Aufklärungsgespräche mit jüngeren Kindern sind sehr kurz. Ich hatte einmal folgendes Gespräch mit dem damals fünfjährigen Kind vertwittert:

Gnom: Was räumst du da in die Schublade?
Ich: Kondome.
Gnom: Ah.
Ich: Möchtest du noch einmal mehr über Kondome wissen?
Gnom: Nein. Kann ich einen Bonbon?

Unschwer zu erkennen ging diesem Gespräch ein anderes voraus:

Gnom: Was ist das? *auf ein verpacktes Kondom zeigend*
Ich: Ein Kondom.
Gnom: Wofür ist das?
Ich: Das sind quasi kleine Tüten die Menschen mit Penis beim Sex tragen können. Das schützt vor Krankheiten und gegebenenfalls davor, dass Sperma aus dem Penis zum Uterus kommen kann.

Wieder lässt sich sehen: auch hier wurde auf vorhandenem Wissen aufgebaut. Ein wunderbares Buch über die Entstehung von Babies ist “Wie entsteht ein Baby? Ein Buch für jede Art von Familie und jede Art von Kind” von Cory Silverberg und Fiona Smyth. Mit diesem Buch lässt sich über so ziemlich jede Art von Empfängnis, einschließlich Leihausträger:innenschaft und künstlicher Befruchtung, sprechen. Ebenso lässt sich auch über Adoption direkt nach der Geburt anhand des Buches genau so leicht sprechen wie über einen Verbleib bei gebärendem Elter und eventuellen Co-Eltern. Außerdem werden die körperlichen Vorgänge in diesem Buch nicht vergeschlechtlicht. (#WerbungOhneBezahlung).

Kindgerechte Aufklärung erfordert auch eine dem Alter angemessene Sprache und einen dem Alter angemessenen Informationsumfang. Eine gute Orientierung ist es, einfach auf Fragen des Kindes zu antworten und nicht mehr zu erzählen als erfragt wird. Wenn ein vierjähriges Kind also fragt “Was ist Sex?” dann antworte ich so etwas wie “Sex ist, wenn Menschen die das wollen, einander mit ihren Körpern schöne Gefühle machen. Möchtest du mehr wissen?”

Hierbei auf hetero- und cisnormative Vorstellungen von Körpern und Sex zu verzichten, ist absolut empfehlenswert, denn Eure Kinder sind nicht hetero und cis sind sie auch nicht. Ich versuche übrigens auch auf die Normerklärung der Form “Sex ist wenn 2 Menschen die einander sehr lieb haben,…” zu verzichten.

Telling them that sex is “only something that happens when two people love each other very much” is a lie that causes hormone charged teenagers to confuse “love” with “lust,” or “obsession.” It leads to leaps of logic like, “If I have sex with them, we must be in love.” Or worse- “If I love them, I have to have sex with them.” And how many teenage tragedies are based on that misconception?

aus: Lea Grover “Darling, we don’t play with our vulvas at the table”

Übersetzung: Ihnen zu erzählen, dass Sex etwas ist “dass nur passiert, wenn zwei Menschen einander sehr lieben” ist eine Lüge, die hormongeladene Teenager dazu führt, Liebe mit Lust oder Obsession zu verwechseln. Es führt zu Fehlschlüssen wie “Wenn ich mit einer Person Sex habe, heißt dass, das wir uns lieben”, oder noch schlimmer: “Wenn ich eine Person liebe muss ich mit dieser Person Sex haben.” Und wie viele Teenager-Tragödien basieren auf einer dieser Fehlannahmen?

Ich brauche meinem fünfjährigen Kind nicht zu erklären, wie Analverkehr funktioniert, wenn es nur wissen will, wie Sex funktionieren kann. Es reicht völlig wenn ich sage “Für alle Menschen funktionieren unterschiedliche Sachen beim Sex unterschiedlich gut. Manche werden gern überall berührt, andere nur an bestimmten Stellen. Und nicht alle Menschen wollen überhaupt Sex. Sex kann zum Beispiel sein, Genitalien aneinander zu reiben oder Teile von Genitalien in einen anderen Körper hineinzustecken.” Wenn das Kind dann kichernd fragt “Auch in den Popo?” dann kann ich immernoch antworten “Ja, manche Menschen mögen das auch.” und wenn dann das Gekicher weitergeht mit “Auch in die Nase? Auch in die Ohren?” und so weiter, dann kann ich auch einfach mitgrinsen und kichern.

Je älter die Kinder werden, desto detailliertere Gespräche stehen uns ins Haus. Und umso mehr gilt es zu vermitteln:

  • Konsens, Konsens, Konsens
  • Kein Kink-Shaming
    • Kinks sind sexuelle Vorlieben die von der Norm abweichen, Shaming, zu deutsch “beschämen”, also “Nicht andere Menschen für ihre sexuellen Vorlieben beschämen”
    • Wir sagen nicht bäh zu Dingen, zu denen anderen mjam sagen. Wir sagen “Danke, für mich nicht” – das ist ein Grundsatz den die Kinder bei uns vom Essen kennen. Es ist voll okay, Sachen nicht zu mögen. Es ist nicht okay, anderen diese Sachen madig zu machen.
    • Auch Kinder können schon in sehr jungen Jahren Fetische oder BDSM-Phantasien entwickeln.
  • Was tun bei sexualisierten Übergriffen?
  • Was sind sexuell übertragbare Krankheiten und wie verhindere ich sie?

Sexualisierte Gewalt

Wir haben schon früh über sexualisierte Gewalt gesprochen ohne sie als solche zu benennen. “Dein Körper gehört dir und du allein bestimmst darüber” ist einer der häufigsten Sätze. Dazu gehört auch “Wenn wer etwas mit dir tut oder getan hat, das du nicht willst, sprich mit einer erwachsenen Person, der du vertraust, darüber.” Und auch: “Wenn jemand auf dein Nein oder dein Stopp nicht hört oder wenn du zu große Angst hast was zu sagen, dann darfst du kratzen, hauen, treten, beißen und weglaufen. Du musst nicht freundlich sein zu Menschen, die deine Grenzen überschreiten.”

Es gibt viele Kinderbücher, die “die fremde Gefahr” thematisieren, den “bösen Mann der Kinder auf dem Spielplatz weglockt.”. Auch in anderen Medien lernen Kinder oft, dass sie nicht zu Fremden ins Auto steigen sollen, keinen Unbekannten ihren Namen oder ihre Adresse verraten uswusf. Luise Strohtmann formulierte in der taz noch ein anderes Problem dieser Geschichten:

„Geh nicht mit Fremden mit“ ist der kleine Bruder von „Zieh keinen so kurzen Rock an“. Es sind Handlungsratschläge an potenzielle Opfer. Sie stellen einen Zusammenhang her zwischen ihrem Verhalten und der Wahrscheinlichkeit, dass ihnen Gewalt geschieht.

aus Luise Strohtmann, “Kinderbücher, die vor Fremden warnen” in: taz am Wochenende online

Was Kinder nicht lernen, weil Erwachsene das viel zu gerne ausblenden: die allermeisten Täter:innen kommen aus dem unmittelbaren Umfeld des Kindes. Es sind der Opa, die Trainerin aus dem Sportverein, das Gitarren-Lehrlon, die Eltern. Es sind Menschen, die die Kinder gern haben, denen die Kinder gefallen wollen, von denen die allergrößte Gefahr ausgeht.

Täter:innen sind auch keinesfalls ausschließlich Erwachsene. Es gibt einen Unterschied zwischen “Doktorspielen” und Übergriffen (der Link führt zu der Seite von zartbitter e.V., bedauerlicherweise sind die Texte dort sehr binär gehalten).

Nehmt Kinder ernst, wenn sie euch anvertrauen, dass eine Person mit ihnen “komische Dinge macht”. Denkt nicht “Ach, doch nicht der Hugo, das ist nicht so einer.”, sagt nicht: “Bist du dir auch ganz sicher, dass du das nicht nur falsch verstanden hast?”. Schützt Kinder.

Selbst wenn ein Kind irgendetwas falsch verstanden haben sollte, war es eine Situation, die dem Kind Angst gemacht hat und für die es Hilfe brauchte. Es ist ganz egal, für wie wahrscheinlich ihr es haltet, dass Onkel Hugo seiner Nichte zwischen die Beine fasst und ja ganz ganz ganz vielleicht ist er nur beim Spielen abgerutscht, hat das nicht bemerkt, sich nicht entschuldigt und darüber nicht mit euch gesprochen. Wahrscheinlich ist das nicht. Das Kind brauchte die Hilfe, das Kind hatte die Angst. Betroffene Kinder müssen im Schnitt 7 Erwachsene ansprechen, bevor sie Hilfe bekommen.

Thematisiert sexualisierte Gewalt in Medien, die Kinder konsumieren. Denn die Darstellung sexualisierter Gewalt ist nicht auf Medien für Erwachsene beschränkt. Wieviele Serien für Kinder reproduzieren den “Was sich liebt das neckt sich” – Scheiß? Wie oft werden (meist weibliche) Charaktere einfach geküsst und umarmt – und lassen das nicht nur über sich ergehen sondern finden das dann auch noch toll?

Spätestens, wenn die Kinder sich frei in Online-Games mit Chatfunktion und Co bewegen, ist es auch eine gute Idee über digitale Formen sexualisierter Gewalt zu sprechen. Aber das ist ein so umfassendes Thema, dass es wohl einen eigenen Blogpost braucht.

Bringt euren Kindern bei, dass Liebe und Sex nichts mit ertragen, aushalten und durchstehen zu tun haben (es sei denn das ist auf spezifische Handlungen limitiert, gewünscht und abgesprochen – auch dein Kind kann auf BDSM stehen).

Und fragt euch nicht nur, was ihr tut, wenn eure Kinder Opfer werden. Fragt euch auch, was ihr tut, wenn eure Kinder Täter:innen werden oder euch anvertrauen, dass sie Phantasien haben anderen Menschen sexualisierte Gewalt anzutun.

Hilfe & Anlaufstellen bei sexualisierter Gewalt:

Sexuell übertragbare Krankheiten & Schwangerschaft

Ein ganz anderes Präventions-Thema ist die Aufklärung über Verhütung von Krankheiten und ungewollten Schwangerschaften.

Wenn ich zu einer Arztperson gehe, dann fragen die Kinder mich meist, warum. Ich antworte ihnen darauf auch. Und eine der Antworten kann lauten “Weil ich wissen möchte, ob ich Krankheiten habe, die beim Sex ansteckend sein könnten.”

Es sollte etwas ganz Normales sein, sich regelmäßig testen zu lassen, insbesondere bei wechselnden und/oder mehreren sexuellen Kontaktpersonen. Bedauerlicherweise ist es das für viele Menschen nicht. Sexuell übertragbaren Krankheiten haftet immer noch der Beigeschmack von etwas dreckigem, verkommenen an – nicht zuletzt haben wir das Rechten zu verdanken, die Menschen wie mich gern als “linksgrün versifft” bezeichnen. Und woher kommt versifft? Von Syphilis.

Syphilis ist nicht nur eine sexuell übertragbare Krankheit, sondern für Faschisten seit Langem ein Symbol für das wilde, enthemmte Leben, das sie versuchen einzudämmen, weil sie keine Hoffnung sehen, ein glücklicher Teil davon werden zu können. […]

Hitler sprach in “Mein Kampf” von der “Versyphilitisierung des Volkskörpers”, von der “Bekämpfung der Syphilis als die Aufgabe der Nation”.

Magarete Stokowski, Rechte Sprache – Warum “linksgrün versifft”, in Spiegel online, 12.02.2019

Doch eben wegen dieser Krankheiten ist es wichtig, bei Verhütung nicht nur über Schwangerschaft zu reden – darauf läuft es aber zumindest beim Aufklärungsunterricht in der Schule auch heute noch meist darauf hinaus.

Wenn Kinder zu Teenies werden, sind Sexualität und Sexpositivismus Themen die sich verändern und vergrößern. Nicht nur der Zugang zu Utensilien für safer Sex und das dazugehörige Wissen, sondern auch Pornographie (in Schrift, Bild und Video), Sextoys, BDSM sind Themen die sich da auftun können. Das würde in diesem Text, der sich primär mit einem sexpositiven Umfeld für Kinder befasst, zu viel Rauhm einnehmen. Ich würde mich über einen Gastbeitrag von Teenie-Bezugspersonen sehr freuen!

In unserem Alltag mit Kindern sind konkrete Verhütungsfragen noch nicht aufgetaucht, deshalb folgt etwas Theorie ohne Alltagsbeispiele.

Von vielen Freund:innen mit Teenagern kenne ich “Die Schublade” – eine Schublade (o.ä.) im Haushalt, in der sich Dinge zur Verhütung finden und die ohne Nachfragen oder andere Peinlichkeiten nachgefüllt wird (deshalb befindet sich die Schublade am besten an einem leicht zugänglichen aber eher privaten Ort wie zB im Badezimmer). Ergänzend könnt ihr so Dinge rumliegen lassen wie zum Beispiel den “Safer Sex” Flyer des Queerlexikons.

Aber was gehört in “Die Schublade”?

Kondome sind das Mittel der Wahl für Menschen mit Penis oder Sextoys, die sich in ein Kondom packen lassen (Liebeskugeln zum Beispiel) – sie verhindern nicht nur Schwangerschaften, sondern sind eben auch eine Barriere für diverse Krankheiten. Es sollte darauf geachtet werden, dass sich keine abgelaufenen Kondome in der Schublade befinden. Gern dürfen auch ein paar Latex-freie Kondome darunter sein und auch unterschiedliche Größen (mit entsprechendem Hinweis) sind keine schlechten Ideen.

Wie aber sieht das bei Oralverkehr an Genitalien die nicht kondomgeeignet sind, aus? Selbst viele Gynäkolog:innen wissen nicht, was Lecktücher sind. Lecktücher sind wirklich vielseitig einsetzbar. Leider sind sie aber auch schwer offline zu bekommen, sie können aber online oder in Apotheken bestellt werden. Lecktücher sind, wie Kondome, eine Barriere. Wie der Name vermuten lässt, sind es Tücher die über Körperstellen gelegt werden können, die geleckt werden sollen/wollen – egal ob Vulva, Anus oder was auch immer. Ein besonderes Ansteckungsrisiko besteht aber bei Genitalien und Anus. Die meisten Herpesinfektionen entstehen beim Oralverkehr. Aber auch beispielsweise Gonorrhö und Hepatitis A sind durch Oralverkehr übertragbar.

Femidome sind Kondomen ähnlich, werden allerdings in die Vagina eingeführt. Das ist zum Beispiel dann praktisch, wenn mit einem Toy/Penis und mehrere Vaginen interagiert wird. Oder auch einfach nur für mehr Selbstbestimmung in puncto Verhütung für Personen mit Vagina. Da die Anwendung wenig geläufig ist, würde ich sie nicht ohne aufklärendes Gespräch zur Verwendung in eine Schublade packen.

Einweghandschuhe sind für alles gut, was mit den Händen gemacht wird. Sie schützen nicht nur vor Krankheiten, sondern auch vor Verletzungen durch Fingernägel im Intimbereich. Bei besonders langen Fingernägeln können die Einweghandschuhe an den Fingerspitzen mit Watte ausgestopft werden. Als Alternative, allerdings schwerer zu bekommen und teurer, gibt es auch Fingerlinge – die sehen aus wie sehr kleine Kondome und werden über nur einen Finger gezogen – für Menschen die einen sehr kleinen Penis/eine sehr große Klitoris oder ähnliche Genitalien haben, können diese allerdings als Kondomalternative herhalten. Ein weiterer Vorteil von Fingerlingen ist, dass sie nicht so sehr nach medizinischer Untersuchung wirken wie Einweghandschuhe.

Alle aufgelisteten Varianten sind Einwegartikel – sie sollten weggeworfen werden, sobald sie einmal in Gebrauch waren. Außerdem sollten sie gewechselt werden, wenn Partner:innen oder Intimbereiche gewechselt werden – ein Kondom das bereits in einer Vagina war hat nichts an einem Anus verloren, Handschuhe die schon in einer Person steckten, sollten – auch wenn es noch der gleiche Sexakt ist – gewechselt werden, bevor sie in eine andere Person wandern.

Außerdem ist in einer solchen Schublade kondomgeeignetes Gleitgel sinnvoll. Gleitgel schützt vor Verletzungen, welche wiederum das Risiko erhöhen sich, mit Krankheiten anzustecken. Außerdem macht so ziemlich alles mehr Spaß, wenn es gut flutscht. Die Mär vom “ersten Blut” bei der “Entjungferung” ist eher auf fehlende Feuchtigkeit zurückzuführen, als auf ein tatsächlich reißendes Hymen (die sind nämlich sehr elastisch und verschließen die Vagina entgegen landläufiger Meinung nicht. Tun sie es doch, ist ein medizinischer Eingriff erforderlich, kein Penis).

Desinfektionsmittel für Sextoys ist ebenso wichtig – lieber einmal mehr desinfiziert als einmal zu wenig. Ja, auch wenn ihr glaubt, eure Teenies besäßen so etwas nicht. Sie müssen euch nicht alles erzählen.

Also, “Die Schublade” in Kurzform:

  • Kondome
  • Lecktücher
  • evtl. Femidome
  • Einweghandschuhe / alternativ bzw. ergänzend Fingerlinge
  • Gleitgel
  • Desinfektionsmittel für Sextoys

Sexpositiv im Alltag mit Kindern

Die häusliche Umgebung für Kinder sexpositiv zu gestalten, wird nur gelingen, wenn wir selbst die unnötige Scham um sexuelle Themen herum ablegen. Wenn wir Dinge benennen, statt herumzudrucksen.

In einer Welt in der alles sexualisiert wird, in der “sex sells” noch immer die Strategie der Wahl diverser Marketing-Menschen ist, in der aber zeitgleich tatsächlicher Sex und tatsächliche Körper immer noch und immer wieder tabuisiert werden und zwar so sehr, dass Teenies laut kichern, wenn sie das Wort “Schuhwichse” in einer nicht zeitgemäßen Deutschlektüre (leCktüre! kihihihi!) lesen, in einer solchen Welt ist es gut, Grundlagen geschaffen zu haben und völlig neutral, über den Unterschied von Wichse für Schuhe und Wichsen als Masturbation reden zu können.

Es ist absurd, dass übergroße nackte Brüste an Plakatwänden über unseren Köpfen hängen, aber ein verrutschtes Shirt auf einer Bühne immer noch zuverlässig für Schlagzeilen sorgt. Es ist absurd, dass die meisten Teenies einen halbwegs realistischen Penis samt Hodensack zeichnen können aber keine Vulvina.

Es ist an uns, an unseren Schamgefühlen und Normvorstellungen zu arbeiten, um sie unseren Kindern nicht mitzugeben.

Wie geht ihr mit Aufklärung, kindlicher Sexualität und ähnlichen Themen um? Lasst mir gerne einen Kommentar hier, auf Twitter oder Facebook.

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