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Brüllmonster – Gebrüllte Worte und ihre Folgen

Posted in Allgemeines

Dieser Post erschien ursprünglich auf meinem alten Blog nooborn.wordpress.com am 08.03.2017, ich habe ihn aktualisiert und hier neu gepostet

Dass es nicht zu den glorreichsten Momenten im Elternleben gehört, wenn mensch die eigenen Kinder anbrüllt, dürfte klar sein. Trotzdem passiert es selbst den geduldigsten und langmütigsten Eltern vermutlich zumindest gelegentlich.

Auf Twitter fragte ich Ende Feburar 2017:

"Mit welchen verletzenden Worten brülllt ihr eure Kinder an, oder wurdet ihr angebrüllt, alls ihr Kinder wart? Gern RT/DM

Ich erhielt mehr und schrecklichere Antworten als ich erwartet hatte.

Inhaltsnotizen: (verbale) Gewalt gegen Kinder, Essstörung, Tod

Warum brüllen wir eigentlich? Und was können wir dagegen tun?

Dazu gibt es einen wundervollen Beitrag bei „Das gewünschteste Wunschkind„.

Kurzfassung: Weil WIR ein nicht behobenes Problem haben. Und WIR können an UNS arbeiten. Dadurch wird dann auch die Beziehung zu unseren Kindern besser (sie bleiben aber Kinder und werden keine sachlich argumentierenden Erwachsenen). In „Kleinkinder richtig bestrafen“ habe ich schon mal über Alternativen zum Anbrüllen gebloggt.

Meine Schwester hat den Worten eine Gestalt gegeben. Wir haben gemeinsam überlegt wie es sich wohl anfühlt für ein Kind, was es auslöst mit bestimmten Worten angebrüllt zu werden. Wir haben eine Auswahl treffen müssen und haben ein paar sehr häufige Phrasen und einige besonders verletzende aufgenommen.

Wenn ihr das nächste Mal eure Kinder anbrüllen wollt, dann malt doch vielleicht lieber das entsprechende Wort (oder ein anderes) aus. Am Ende des Beitrags findet ihr alle Bilder zusammen als PDF. Ihr dürft das natürlich gern weiterverbeiten, bitte lasst es aber unverändert und entfernt das Zeichen meiner Schwester nicht.

Ansonst gibt es, ebenfalls beim gewünschtesten Wunschkind, eine Einführung in gewaltfreie Kommunikation.


Das Wort "Ruhe", welches wie ein großes, feuerspeiendes Monster über einem zusammengekauerten Kind steht.

„Ruhe!“, „Sei leise!“ oder „Still!“ ist etwas, was ich des Öfteren laut einfordere – um mich im nächsten Moment zu fragen was bitte genau das bringen soll. RUHE zu brüllen hat ja schon etwas absurdes. „Mir ist es gerade zu laut, könnt ihr etwas leiser sein?“ wäre doch viel besser.

Das Wort "Still", das als Monster ein Kind anbrüllt, welches sich die Ohren zuhält, das S ist dabei ein großes Maul, aus dem Ausrufezeichen fliegen.

Ich entschuldige mich, wenn mir soetwas passiert, was inzwischen nur noch selten vorkommt. In der Regel war das eine Stressreaktion meinerseits darauf, dass das Baby nicht einschlief und das Kleinkind immer lauter wurde, weil es gerade gern Aufmerksamkeit haben wollte. Mein Kinder reagierten darauf übrigens korrekter Weise damit, lauter zu werden. Zum Glück konnte ich mich hier schon deutlich bessern. Ich bin allerdings ein unglaublich geräuschempfindlicher Mensch und es gibt Tage an denen mich schon das Tappsen der Katzen kirre macht – aber im Ernst: das kann ich dem Kind auch geschickter vermitteln. Was ich noch nicht sicher wusste, als ich diesen Blogpost ursprünglich schrieb: Ich bin Autistx. Inzwischen sorge ich einer Überreizung viel besser vor, schnappe mir meine Kopfhörer oder ziehe mich aus Situationen zurück, die mir zuviel sind.

Unter einem Tisch hockt ein ängstlich guckendes Kind, daneben steht der Satz "Lass das" als Monster, das nach dem Kind greift, das erste A ist das Gesicht, mit einem zähnefletschenden Maul, das erste S eine Pranke, das zweite A die Hinterläufe auf denen das Monster steht, das letzte S der Schwanz des Monsters.

„Lass das!“ schlimmstenfalls noch völlig unspezifisch, damit das Kind damit wirklich gar nichts anfangen kann. Was soll das Kind lassen? Warum? Häufig wird dieses Wort nicht nur gebrüllt, sondern auch gezischt vorgetragen, zum Beispiel in dem Glauben niemand sonst in der SBahn würde das wütend gezischte „Lass das!“ hören, das ein Elter seinem fröhlich auf einem Sitz springenden Kind entgegen bringt. „Setzt du dich bitte wieder hin? Andere Leute möchten hier sitzen, darum ist es nicht gut, mit deinen schmutzigen Straßenschuhen auf dem Sitz zu hüpfen. Der wird davon dreckig.“ tut es genau so und ist für das Kind viel hilfreicher, denn es erfährt, warum sein Verhalten gerade nicht okay ist und was es statt dessen tun soll.

Wie ein Elefant türmt sich die Phrase "Pass doch auf" über einem eingeschüchtert nach oben blickenden Kind auf.

„PASS DOCH AUF VERDAMMTE SCHEISSE NOCHMAL JETZT IST HIER ALLES NASS!“. Joar. Kennt ihr? Dabei, seid ehrlich, sind das Sachen die die Kinder in der Regel nicht absichtlich machen. Ein Glas Wasser verschütten, über etwas das am Boden liegt laufen, weshalb es kaputt geht ,… das sind so Sachen die passieren allen von uns. Andauernd. Kinder dafür anzubrüllen geschieht meist aus Stress heraus. Aber ist das wirklich notwendig? (Spoiler: Nein.)

Die Phrase "Es Reicht" ist ein feuerspeiendes Monster auf vier Beinen, groß und mit aggressivem Blick.

„Es reicht jetzt!“ , „Verdammt hör endlich auf damit!“,… und ähnliches ist gegenüber Kindern oft zu hören. Das witzig-traurige daran? Meist gibt es überhaupt keinen spezifischen Grund weshalb das Kind jetzt damit aufhören sollte. Es fängt einfach an uns zu nerven. Und statt dass wir UNS aus der Situation nehme und uns zB einfach an den Esstisch setzen und ein bisschen lesen, wälzen wir diese Verantwortung aufs Kind ab – wie scheiße ist das denn bitte?

Mit unterlaufenen Augen fletscht das "G" von "Geh weg" die Zähne, ein Kind steht davor und hält sich schützenden die Hände über den Kopf, der tränenüberströmte Blick ist zum Boden gerichtet

„Geh weg!“ habe ich einmal benutzt und es hat in mein Herz gebissen wie das fiese Seele zehrende Monster das es ist. Ein Kind muss nicht weg gehen. Es kann ja nirgendwo hin. Ganz toll dazu „Ausweglos – Wenn Eltern schimpfen und Kinder nicht weg können“ von Susanne Mireau.

Ein Hammer auf dem "Ab" steht, schlägt auf den Kopf eines Kindes nieder, das mit leerem Blick, zerbrochenem Kopf und zerbrochenem Herzen auf dem Strampelanzug am Boden sitzt.

„(Hau) Ab!“ ist das irgendwie noch fiesere „Geh weg!“, getoppt wird das nur von dem „Verpiss dich endlich!“ das ich einmal ein Elter seinem Kind entgegen brüllen hörte.

Wir Eltern sind die Basis unserer Kinder. Wir sind erstmal alles, was sie haben um ins Leben zu finden. Sie können nicht abhauen. „Hau ab!“, „Geh weg!“ das alles sind Formen der Liebesverweigerung, es vermittelt dem Kind, dass es unerwünscht ist. Was ist besser? „Ich brauche einen Moment Ruhe, ich gehe kurz nach nebenan und komme gleich wieder zu dir. Wenn du mich brauchst, kannst du trotzdem jederzeit kommen.“

Ein kleines Kind mit steht mit traurigem Blick und beschämter Körperhaltung, ein Kuscheltier in der einen Hand, unter dem Wort "Schlampe", das sich schlangenähnlich über dem Kind auftürmt.

„Schlampe“ gehört zu den Antworten die ich erschreckend häufig auf meinen Tweet bekam. Mit „Schlampe“ assoziieren die meisten entweder eine Frau, die viele wechselnde Sexualpartner_innen hat oder eine, die enorm unordentlich ist. Ich weiß nicht, welcher Teufel Eltern reitet, die ihr Kind so nennen. Es wurde mir häufig als ein Wort genannt, welches Kinder in ihrer Pubertät zu hören bekamen. Teenager sind mit Sicherheit nicht immer leicht verdaulich, ich habe noch keine_n und kann deshalb noch nicht berichten. Die Berlinmittemom hat aber da etwas Wundervolles geschrieben über diese schwere Zeit: frisch verliebt in meinen teenie.

Auf jeden Fall ist Schlampe kein adäquates Schimpfwort gegenüber den eigenen Kindern. Genau genommen gegenüber keiner Person.

Ein Kind guckt mit verklebtem Mund ängstlich auf das Wort "Dicker", welches sich um seine Taille schnürt.Bodyshaming ist scheiße. Die eigenen Kinder als „Dick“, „fett“ u.ä. zu beschimpfen ist ursächlich für katastrophale Körperbilder.Da könnt ihr euch nicht rausreden. Es ist eine Sache das liebevoll zu nutzen („Mein kleines Dickerchen“) über deren Sinn wir sicher streiten könnten. Eine ganz andere ist es, dem Kind entgegen zu brüllen „Stopf nicht soviel Schokolade in dich, du bist sowieso schon so dick!“ u.ä.

Inhaltswarnung: der nächste Absatz handelt von Essstörung mit Todesfolge.

Ich lernte einmal ein Mädchen kennen, das hatte jede Menge Selbstdisziplin. So viel, dass sie nichts essen musste um zu funktionieren. Sie aß so lange nichts, bis sie in die Psychiatrie kam. Sie selbst fand sich noch immer zu dick. Aber die Eltern sagten, sie solle sich anstrengen. Sie aß also – bis sie genug Gewicht hatte um entlassen zu werden. Gegen den Rat der Ärzt_innen nahmen die Eltern das Mädchen, das jetzt ja wieder „dick“ war, mit nach Hause, wo sie wieder nichts aß. Dieses Mädchen lebt nicht mehr. Sie wurde zu dünn für’s Leben.

Die Worte "Deine Schuld" schnürem einem Kind mit leerem Blick und Tränen auf den Wangen die Luft ab, es versucht mit den Händen sich zu befreien. Das S von Schuld hat einen Schlangenkopf.„Es ist deine Schuld, dass ich xyz fühle!“
„Es ist deine Schuld, dass wir nicht xyz machen können!“
„Wenn du dich nicht anziehen willst, bist du ja selbst schuld, dass wir nicht raus gehen können.“

Schuld ist, so für sich genommen, ein unheimlich großes, schweres Konzept. Wirklich, keine_r ist gern Schuld an irgend etwas (Schlimmen). Kindern die Schuld in die Schuhe zu schieben, insbesondere kleinen Kindern die meist noch gar keine Verantwortung tragen können, die Handlungsfolgen nicht abschätzen können, die nicht einmal wissen, was Schuld ist, ist vor allem eines: die Schuld von Erwachsenen. Kinder sind nicht schuldig. Nicht ohne Grund können Kinder nicht bzw. im höherem Alter nur beschränkt haftbar oder gar straffähig sein.

Das Wort "Undankbar" sitzt auf dem Rücken eines Kindes, welches gebeugt von der Last des Wortes dieses trägt. "Undankbar" nagt am Hinterkopf des Kindes.

„Du bist so undankbar!“

Kinder haben sich nicht dazu entschieden uns als Eltern zu haben. Wir haben uns aber sehr wohl dazu entschieden sie als Kinder zu bekommen. Dass Kinder ihren Eltern für irgendetwas dankbar sein müssten, für ihr Leben, die neuen Turnschuhe, sonstwas ist eine seltsame Vorstellung. Trotzdem kriegen nicht wenige Kinder genau das zu hören. Was für eine Verantwortung wird ihnen damit aufgebürdet? Kinder müssen nicht dankbar dafür sein, dass die Menschen, die sich entschieden haben, diese Kinder zu bekommen, die Sorge für sie tragen und sich um sie kümmern.


Wenn ihr euch in dem ein oder anderen Wort wieder erkannt habt, dann versucht doch das nächste Mal lieber das Wort auszumalen, statt es zu brüllen – vielleicht ja gemeinsam mit eurem Kind? Dabei könnt ihr wunderbar darüber reden, wie sich verbale Gewalt anfühlt, dass auch verbale Gewalt Gewalt ist und dass Kinder sich gegen derartige Gewalt auch wehren dürfen – oder ihre Eltern darauf hinweisen. Mein zuckersüßes großes Kind fragte früher „Bist du ein Grummelravna?“ (besser gesagt „Biddu Gummelnafna?“) und ganz ehrlich: Mehr Deeskalation brauchte ich meist gar nicht. Und ich bin oft erschrocken darüber wieviel kompetenter das große Kind mit meiner Wut umging als ich mit seiner. Zwei Kinder und fünf Jahre später bin ich deutlich besser darin, mit meiner eigenen Wut und der Wut der Kinder umzugehen. Mein Lieblingskinderbuch zum Thema Wut ist übrigens „Pau und die Wut“.

Hier findet ihr alle Bilder als PDF, die Datei ist leider nicht barrierefrei. Brüllmonster – Malbuch

Ihr dürft das Malbuch gern weiterverbreiten, bitte lasst aber die Hinweise auf die Urheberschaft drin. Ganz besonders freue ich mich natürlich, wenn ihr auf diesen Artikel verweist.


Ihr seid nicht allein! Beim Runzelfüßchen gab es eine Blogparade über das Anbrüllen, Rummotzen und laut werden.

Elternblogger_innen berichten über Verzicht auf Anschreien:

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