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Kinder und Kink – Teil I – Was ist…?

Posted in Aufklärung

Inhaltshinweis: In diesem Blogpost geht es, zum Teil sehr explizit, um BDSM und Sex. Wenn das ein für dich schwieriges Thema ist, gib beim Lesen bitte auf dich Acht.

Auf Twitter ging kürzlich eine Story rum von zwei Personen die in der Öffentlichkeit BDSM betrieben. Dabei wurde immer wieder erwähnt wie unmöglich das sei. In schönster Regelmäßigkeit taucht auch die Diskussion um BDSM auf Christopher Street Days  und Pride Parades auf, immer mit dem Hinweis auf “aber die Kinder!”

Ich habe daraufhin auf Twitter gefragt wieviel Vorwissen bei meinen Leser_innen über BDSM vorhanden ist und worauf ich aufbauen kann, wenn ich über die Vermittlung von Safer Kink schreiben will.

Und für alle die jetzt erstmal große Fragezeichen im Kopf haben was dieser ganze Kram eigentlich ist, für die ist der heutige Blogpost aus der kommenden Reihe “Kinder und Kink” gedacht.

Ich nehm’s schon mal vorweg: Nein, es wird an keiner Stelle dieser Reihe darum gehen, (sexualisierten) Kink mit Kindern auszuleben. Denn, gerne nochmal bei Kinder und Konsens nachlesen: Kinder sind nicht in der Lage dazu Konsens dazu zu geben. Es wird darum gehen, ein Verständnis für Kink zu entwickeln und soll Hilfestellung geben auch über BDSM aufzuklären.

Also was ist denn überhaupt BDSM?

BDSM ist ein Kürzel um die folgenden Dinge zusammenzufassen: 

  • Bondage und Disziplin.
  • Dominanz und Submission (Unterwerfung).
  • Sadismus und Masochismus.

Es gibt unglaublich viele verschiedene Arten, Dinge aus dem BDSM Bereich auszuleben. Das was oft medial dargestellt wird, ist meist etwas, was möglichst “extrem” und “skurril” erscheint oder es ist eigentlich kein BDSM sondern eher toxisch und missbräuchlich.

Eine weiße Person trägt eine rote Dämonenmaske mit Ring durch die Schnauze und einen roten Körperharness, der das dämonische Aussehen unterstreicht über enganliegender schwarzer Kleidung und hat eine rote Peitsche in der Hand.
Immer möglichst extreme Darstellung.
Quelle: Jhon F. Chica/pixababy

Wenn ihr also Fifty Shades of Grey gelesen habt, verbannt bitte die Ideen die ihr daraus über BDSM habt eine Weile ins hintere Eckchen eures Gedächtnisses. Und nur weil ihr mal bei Domian gehört habt, wie irgendwer sehr unangenehm über BDSM berichtete, schließt bitte nicht auf die gesamte BDSM Community.

Was selten im gesellschaftlichen Bewusstsein über BDSM ist: wie lustig BDSM sein kann, wie wenig sexuell vieles ist und wie viel Wissen dazu gehört.

Kink ist eine generelle Bezeichnung für (nicht automatisch sexuellen) Lustgewinn durch Dinge die als ungewöhnlich wahrgenommen werden. Es ist ein etwas schwammigerer, mehr Offenheit lassender Begriff als BDSM. Viele Menschen die BDSM praktizieren, bezeichnen sich selbst als kinky. Ich bevorzuge für mich persönlich zum Beispiel “Kink” gegenüber “BDSM” weil ich viel von dem womit BDSM verbunden wird nicht mag.

Und was hat das mit Sex zu tun?

Für einige gehen Kink und Sex Hand in Hand, andere leben ihre Kinks streng von Sex getrennt aus, viele verbinden Sex und Kink manchmal, aber nicht immer. Andere nur einige Kinks und so weiter und so fort.

Es gibt diesen Glauben, dass Kink grundsätzlich etwas sei, was sexuell Lust bereitet – aber das muss nicht so sein. 

Kink kann auch einfach eine sensuelle oder ästhetische Erfahrung sein. Menschen tun kinky Dinge einfach weil sie Spaß dran haben, weil sie neugierig sind, weil sie es reizvoll finden, bestimmte Erlebnisse zu haben. Es gibt a_sexuelle Menschen die kinky sind. Kink ist kein Sex, aber Kink kann sexuell sein.

Kink ist Spielen für Erwachsene

Viel Kink hat große Ähnlichkeiten (und Verwandtschaft) zu kindlichem Spielen. Es ist ein Spiel mit Angst, mit Macht, mit Schmerz und mit körpereigenen Drogen.

BDSM schafft Raum um sich fallen zu lassen, abzuschalten, Anspannung abzubauen,…

Eine weiße, nackte Perso mit grauen Haaren ist mit Seilen an einem nicht sichtbaren Punkt aufgehängt. Die Seile sind kunstvoll um den Körper gebunden.
Einfach mal hängen lassen
Quelle: MichaelRaab/Pixabay

Und BDSM hat eine unglaublich lange Geschichte und was oder was nicht davon als “normal” angesehen wird, wechselt durch die Zeitgeschichte. Mit heutzutage oft als “soft BDSM” bezeichneten, Sex ergänzenden, Praktiken haben zum Beispiel nur wenig Menschen Probleme (mal die Augen verbinden oder die Hände mit einem weichen Tuch aneinander binden, über den Rücken kratzen,…).

Kinder nehmen sich an die Pony-Leine, sie raufen, rangeln und kitzeln, sie machen Rollenspiele (“Ich bin die Prinzessin und kann alles bestimmen und du bist meine Dienerin!”),… Alles Dinge, die sich in der Kink/BDSM-Community wiederfinden lassen.

Wenn Menschen sich für das Ausüben von BDSM Praktiken treffen, wird oft davon gesprochen, miteinander zu spielen. Einschlägige Partys werden oft als “Playparty” (Spiel-Party) bezeichnet. Das eigentliche Spiel wird oft auch “Session” oder “Szene” (das beinhaltet dann oft den Ort wo gespielt wird) genannt.

Wann und wie werden Menschen kinky?

Viele kinky Menschen berichten, dass ihre Kinkyness ihnen oft schon bewusst wurde, bevor sie sexuell überhaupt Interesse hatten. Oft bemerken sie bereits vor ihrem zehnten Lebensjahr starke Faszination für ein bestimmtes Thema, welches unter den weiten “Kink” Begriff fällt. 

Da sind die Kinder, die sich gerne gegenseitig mit Seilen fesseln oder jene Kinder, die bei jeder Gelegenheit raufen. Die Kinder, die es genießen Urin lange einzuhalten und die, welche mit jeder Kerze spielen, die sie sehen. Da sind die, die im Rollenspiel immer dienende Rollen einnehmen und die, die immer bestimmen wollen,…

Nicht alles davon wird zwingend zu einem Kink und nicht alles was Erwachsene als Kinks haben, hat sich schon in ihrer Kindheit abgezeichnet. Aber vieles.

Mit Beginn der Pubertät kommt es dann häufig zu zwei Dingen: der Suche nach mehr Material zu dem faszinierenden Thema und zeitgleich dem Abgleich mit geltenden Normen und damit einhergehend häufig Scham. Darauf, wie ihr mit Kindern über (ihre) Kinks sprechen könnt, will ich dann im nächsten Teil eingehen.

Zuletzt kommt dann die Suche nach Gleichgesinnten. Kein Kink ist so seltsam, dass ihn nur eine Person hat. Wirklich nicht. Und sind die Gleichgesinnten gefunden, kann Kink konsensuell ausgelebt werden.

Für viele ist es spannend, neue Dinge auszuprobieren und so kommen Kinks hinzu, manche werden vielleicht auch uninteressant oder werden auf Grund anderer Aspekte nicht mehr ausgelebt.

SSC, RACK und PRICK

Apropos konsensuell. Es gibt mehrere Sicherheitskonzepte und wer schon länger in der Kink-Community unterwegs ist, dem wird sicher zumindest das Kürzel “SSC” schon mal begegnet sein. Es steht für das englische “Safe, sane, consensual” und bedeutet, dass vor der BDSM-Session geklärt sein sollte:

  • Ist es sicher (wissen zB alle Beteiligten ausreichend über Praktiken und Risiken dieser)?
  • Ist es vernünftig? (Es ist zum Beispiel durchaus sicher, das eigene Haus im Rahmen eines Dominanz-Spiels an jemanden deutlich unter Wert zu verkaufen, ob das auch vernünftig ist hängt sicher von vielen Faktoren ab)
  • Ist es konsensuell? Wenn die Antwort hier nicht “Ja” lautet, ist es kein Kink und kein Sex, dann ist es Gewalt.

An “SSC” wird häufig kritisiert, dass viele Praktiken nie wirklich sicher sind. So wie es auch bei Sport immer zu Verletzungen kommen kann, kann das auch bei BDSM passieren, je nach Praktik sind die Risiken kleiner oder größer, manche Praktiken sind schlimmstenfalls tödlich.

Eine weitere Kritik ist die Verwendung des Begriffs “sane” welcher sich auch mit “geistig gesund” übersetzen ließe und psychisch kranke Menschen so von vornherein als “kinkunfähig” einstuft.

RACK steht für das englische “risk-aware consensual kink” (risiko-bewusster, einvernehmlicher Kink). Hier geht der Fokus also weg vom “safe und sane”. Nehmen wir einen berühmten Kink: Atemkontrolle. Der Griff an die Kehle, das Abdrücken der Luftzufuhr – für viele eine erotische Phantasie, die einige auch beim Masturbieren nutzen – dann meist mit Hilfsmitteln wie zum Beispiel Seilen oder Tüten. 

Das ist nicht sicher. Das ist nie sicher.

Menschen müssen atmen. Wer also damit spielen will, sollte sich des Risikos bewusst sein (insbesondere wenn allein gespielt wird!). Je nach Art der Atemkontrolle kann das Ohnmacht sein oder eine kollabierte Lunge.

Ein Schaufensterpuppentorso der mit Seil kunstvoll gefesselt ist
Üben, üben, üben.
Quelle: privat

PRICK steht für personal responsibility, informed & consensual Kink. Also persönliche Verantwortung und informierten, konsensuellen Kink. Wer mit anderen in kinky Interaktion tritt, trägt dafür Verantwortung. Auch die, sich zu informieren.

Ebenso wie bei Sportarten gilt es auch bei Kink sich an Dinge heranzutasten. Wer bouldern geht, beginnt auch nicht an der herausforderndsten Wand und ohne Vorbereitung und Aufwärmung. Vieles ist Wissen darüber, wie Körper gebaut sind. Es ist nicht sicher, ohne Sicherung an einer schweren Wand zu klettern.

Es ist nicht sicher eine andere Person zu treten, wenn ihr keine Ahnung habt, wo beispielsweise die Nieren sind und ihr beginnt auch nicht damit, alle Kraft die ihr habt, in einen Tritt zu legen.

Wissen und Training sind beim BDSM ebenso wichtig wie bei Sport um Verletzungen und Folgeschäden zu vermeiden.

Wer das mit dem Konsens nochmal aufgedröselt haben mag, dem lege ich meinen älteren Blogpost “Kinder und Konsens” ans Herz.

Verhandlungen, Safewords, Ampeln und Aftercare

Teil der Sicherheitsaspekte beim BDSM ist auch, sich erst einmal miteinander hinzusetzen und herauszufinden, was die jeweils andere(n) involvierte(n) Person(en) mag/mögen, kann/können und will/wollen. Welche Einschränkungen existieren und auf welche körperlichen und/oder psychischen Besonderheiten vielleicht Rücksicht genommen werden muss.

Das kann sehr aktiv passieren, für einige Menschen ist es zum Beispiel wichtig bestimmte Fragelisten abzuarbeiten, bei anderen passiert das schon eher spielerisch. Sich hier selbst einschätzen können ist wichtig – und eine Sicherheitsleine haben (metaphorisch), falls eins doch mal abrutscht oder sich überschätzt hat, ist auch wichtig.

Verhandlungen sind eine Art “Vorsorge” und sollten auch tagesaktuell statt finden. Wichtig ist auch ob ausreichend gegessen/getrunken wurde, ausreichend geschlafen wurde, wann zuletzt welche Drogen (ja, auch Alkohol, Nikotin und Kaffee!) konsumiert wurden und wie sich diese auf Körper und Psyche auswirken und welche Medikamente genommen wurden – das gehört zur Risikoeinschätzung dazu.

Safewords sind oft eine Art running gag, aber Leute die sagen “Bei mir brauchst du keine Safewords” oder “Ich halte alles aus, ich brauche kein Safeword” sind Leute, um die ihr einen Bogen machen solltet. Wie ein Safeword aussieht, ist Teil der Verhandlungen. Einige einigen sich zum Beispiel darauf, dass “Stopp” oder “Nein” zum Beispiel einfach genau das heißt. Andere wollen “Stopp” und “Nein” spielerisch verwenden können und einigen sich auf ein anderes Wort, was im Spiel eher nicht gebraucht wird (sowas wie “Rührschüssel!” zum Beispiel). Wichtig ist auch zu bedenken, dass nicht alle Safewords verbal sein müssen. Nicht jede_r kann (immer) reden, einige Kinks unterbinden dies explizit. Safewords können auch non-verbal sein, wie eine Geste oder eine Gebärde oder schnelles Blinzeln. Je nach dem muss natürlich genau darauf geachtet werden, wer was tut.

Eine Flasche Wasser, ein Fruchtriegel, eine Packung Nüsse, ein Seil, eine Schere, ein Flogger, Desinfektionsmittel und ein Pflaster sowie Farbkarten (gelb rot grün) liegen nebeneinander.
Immer alles griffbereit haben.
Quelle: privat

Was genau ein Safeword bedeutet wird ebenfalls vorab verhandelt. Heißt es: sofort alles abbrechen, eventuelle Restriktionen lösen und einen Notfallplan einleiten? Oder heißt es: pausieren, Situation klären, dann entscheiden?

Ebenfalls wichtig: Safewords sind für alle beteiligten Personen da. Auch eine super erfahrene Domina kann noch in Situationen kommen, wo xier safeworded. Ein Safeword zu benutzen ist nicht peinlich und kein Versagen. Im Gegenteil: es zeigt auf, dass eins auf die eigenen Grenzen achtet und verantwortungsbewusst spielt.

Ampeln sind eine Safeword-Abwandlung, sie können ergänzend oder allein verwendet werden, mit Farbkarten, Gesten oder den Worten “grün”, “gelb/orange” und “rot”. In der Regel heißt “grün” dabei “alles okay, weiter”, “gelb/orange” so etwas wie “Pause, Situation klären” und “Rot” bedeutet Abbruch.

Aftercare ist das, was eine Person nach dem Spielen braucht und auch was gebraucht wird, wenn es zu einem Abbruch kommt. Was genau eine Person braucht, ist sehr individuell. Für viele gehört kuscheln dazu, etwas trinken und essen. Einige brauchen ein bestimmtes Lied, andere die liebste Kuscheldecke, manchen müssen bestimmte Dinge gesagt werden. 

Wenn ihr neu im BDSM Bereich seid, dann findet heraus was euch gut tut. Während einer Session wird einiges in Körper und Psyche stimuliert, je nach Intensität des Spiels mehr oder weniger. Hormonlevel verändern sich zum Teil rapide und ein rascher Abfall von Glückshormonen, Stresshormonen u.ä. kann auch zum sogenannten Sub/Top Drop (“Absturz” einer beteiligten Person) führen.

Auch deshalb ist ein langsames Herantasten an Praktiken wichtig: um die Auswirkungen auf euch zu beobachten und gut auffangen zu können. 

Zum Abschluss

Das hier ist nur der erste Beitrag von einer Reihe von der ich noch nicht weiß wie lang sie genau werden wird. Im nächsten Teil möchte ich auf jeden Fall darüber schreiben, wie ihr eure Kinder und Jugendlichen nicht nur über Safer sex sondern auch über safer Kink aufklären könnt. Denn Kinks sind nichts was nur Erwachsene haben.

Wenn ihr Fragen habt, lasst es mich gerne hier, via Twitter, Mail oder Facebook wissen.

Einen Kommentar

  1. Annie
    Annie

    Seeeeehr informativer Artikel. Voll mein Stil.
    Dankeschön, für deine Offenheit und dein Aufklären

    November 12, 2020
    |Reply

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